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GEORG BIRON ÜBER HARI SCHÜTZ UND SEINE
„AMERICAN TALIBAN“-BILDER

Die Lust an der Provokation, der Demaskierung gesellschaftlicher Missstände durch aggressive Gesellschaftskritik und die Zertrümmerung gesellschaftlicher Werte - dies sind Stichworte, die den Künstler Hari Schütz und seine Programmatik kennzeichnen.

Schütz, vormals Enfant terrible einer in den Achtzigern gebildeten Strömung des österreichischen Kunstbetriebs, gehört mittlerweile zu den wohl emsigsten Bildermachern. Seine Auftritte beschränken sich jedoch nicht ausschließlich auf die heimische Landschaft. Seine Bildnisse wurden bereits in verschiedenen Ländern gezeigt.

Hari Schütz ist in seiner Entwicklung, seinen Werkcharakteristika und Intentionen im Rahmen der gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche dieser Zeit zu sehen. Dies widerspiegelt sich sowohl inhaltlich als auch formal in den extrem provozierenden Bildern seines „American Taliban“-Zyklus, in dem er dem kriegerischen religiösen Fundamentalismus die nackten Ikonen des amerikanischen kapitalistischen Fundamentalismus gegenüber stellt und dabei wieder einmal aktuelle Ereignisse zum Thema macht. Diese politischen Zustände, von der Kunst zumeist den Medien überlassen, bilden den Ausgangspunkt einer Gegenbewegung, die letztlich auch auf das Kunstverständnis und die -mittel von Hari Schütz beeinflussend wirkt.

Als sozialkritischer Maler und Graphiker hat der Kierkegaard-Verehrer bei den unterschiedlichsten Anlässen zu verschiedensten Themen Haltung bezogen. Diese Arbeiten erhellen das politische und künstlerische Selbstverständnis des Künstlers und geben darüber hinaus Einblicke in seine Biographie.

Seine Schaffensimpulse kommen aus gesellschaftspolitischen Entwicklungen ebenso wie aus der allgemein spürbaren Krise in der Malerei. Schütz versucht sehr radikal, die Zwänge und Gesetze der Tafelbildmalerei zu durchbrechen – in der radikalisierten künstlerischen Forderung, Wirklichkeit nicht wie in der herkömmlichen Kunst als Abbild oder Symbol, sondern als wirkliche Wirklichkeit in den Griff zu bekommen. In seinem Bestreben, die ästhetische Distanz zwischen Bild und realem Geschehen aufzuheben, entwickelt er eigene Umsetzungen, die verstörend, erhellend und manchmal auch amüsant wirken und ohne vergleichbare Werke der Mitbewerber im heimischen Kunstbetrieb antreten.

Nach dem Leitsatz: „Materie = Wahrheit" stellt sich für Hari Schütz das Material als der sekundäre Gegenstand der Werke dar. Aus diesem Konzept heraus entwickelt er die Methode, Wirklichkeiten zu erweitern und zu erzeugen und die Dimension des Erlebens durch unverschleierte Inhalte auszudehnen. Im Mittelpunkt steht die Manipulation am menschlichen Gehirn durch die Bilderflut der Massenmedien, die uns Themen wie Krieg, Hunger, Tod, Vergewaltigung, Religion als Freizeit taugliches Vergnügen vermitteln, wobei hier die unterschiedlichen Akzentuierungen des Künstlers auffallen. Dabei sind nackte Ringkämpferinnen, wie man sie aus dem Satellitenfernsehen kennt, mindestens ebenso schaurig anzuschauen wie die schwer bewaffneten islamischen Terroristen.

Zum einen liegt eine Provokation in der Präsentation sinnlicher und häufig auch grausamer Vorgänge, die neben dem offenen Ekel auch geheime Lust erregen. Ein weiterer, möglicherweise gar nicht bewusst registrierter Schock wird dadurch ausgelöst, dass ungeheuerliche Geschehnisse wie beliebige Werbesujets umgesetzt werden. Da er eine Ausbildung als Werbegraphiker und –fotograf hat, weiß er ganz genau, wie seine Botschaften werbewirksam auf Fläche gebracht werden können.

Impuls, Interesse und Absichten sind bei Schütz stark politisch motiviert. Im Mittelpunkt seiner Kritik steht die moderne Industriegesellschaft und ihr in perverse Höhen getriebener Konsum, der dazu führt, dass die Menschen beginnen, sich selbst als Teil dieses Konsums und als Konsumgut zu begreifen und sich selbst zu konsumieren. Für Schütz zeichnet sich die moderne Industriegesellschaft unter anderem durch eine besondere Ästhetik ihrer Produkte und Werbung aus, die seiner Meinung nach mit zur Entkulturisierung der Gesellschaft beiträgt. Sie zerstört Kultur, Architektur und Lebensform und führt somit zur Entfremdung des Menschen. Niemand sorgt rücksichtsloser für die Zerstörung dieser Werte (gemeint sind die Werte Individuum, Natur, Gesinnung und Heimat) als die Industriegesellschaft. Sie allein hat es zuwege gebracht, den Menschen und die Natur unter einem einzigen Zweck zu betrachten: alles zu verwerten, bis es entwertet ist, Abfall ist, Dreck.

Der Künstler verwehrt sich auch in seinen neuen Arbeiten vehement gegen das repressive Auftreten der Gesellschaft gegenüber Außenseitern, wobei er unter Außenseitern all jene versteht, die den Anspruch auf Normalität und Konformität nicht erfüllen. In den ästhetischen und moralischen Normen der Gesellschaft, für ihn insbesondere repräsentiert durch die Werbung, die verunsicherte und abhängige Menschen braucht, sieht Schütz eine weitere Gefahr der Entfremdung, da die meisten Menschen diesem Ideal nicht gerecht werden können. Ein weiterer Ansatzpunkt seiner Arbeit bezieht sich auf den Prozess der Repression in einer rigiden Gesellschaft, wobei die Unterdrückung sowohl in der Verschleierung seinen Ausdruck finden kann als auch in der zur Schau gestellten Nacktheit, mit der zum Ausdruck gebracht wird, dass Frauen sich, wenn sie gesellschaftlichen Erfolg haben wollen, als verfügbar und konsumierbar darstellen müssen. Dieses Thema greift Schütz immer wieder in seinen Bildern auf. Aus diesem Widerspruch zwischen Dekor und Wirklichkeit, der Ächtung des Faschismus als Ideologie auf der einen Seite und Fremdenhetze und Minderheitenausgrenzung auf der anderen Seite, bezieht der „Plakatierer des Grauens“ die Angriffspunkte für seine scharfe Gesellschaftskritik.

Ein weiteres Ziel seiner Anprangerung ist die Ideologisierung des Begriffes Heimat. Er wendet sich dabei nicht gegen den Wert Heimat an sich, den er in seiner ursprünglichen Form als eine Produktionseinheit auffasst, die in ihren moralischen und ökonomischen Verhältnissen zwar hierarchisch, aber beständig waren. Seine Kritik setzt erneut bei der neuen kapitalistischen Gesellschaft an, die die Heimat als einen gewohnten und selbstverständlichen Ort zerstörte und als Ersatz die Ideologie von der Heimat geschaffen hat, ein anachronistisches Bild voller Brauchtum und Trachten, eine große Lüge. Wobei die Tracht in einer globalisierten Welt nicht naturgemäß aus einer Krachledernen bestehen muss, sondern auch ein Bikini sein kann. Die zum Begriff Heimat konnotierten positiven Gefühls- und Vorstellungskomplexe werden eingebettet in ein schockierendes Umfeld sexueller und gewalttätiger Exzesse. Der Slogan „Culture Sex“ erhellt den drohenden „Culture Clash“.

Hari Schütz wendet sich nicht nur gegen die gesellschaftspolitischen Missstände. Ziel seiner Angriffe ist auch der Komplex Kultur und Bildung. Er richtet sich mit aller Vehemenz gegen die subventionierte Hochkultur mit dem Vorwurf, sie verbreite eine affirmative Kultur, die veränderungsfeindlich und systemerhaltend wirkt, indem sie die Realität negiert. Darin sieht er die Gefahr einer kulturelle Verelendung der Gesellschaft, vor allem der unteren Schichten, die – gefangen in ihrer neuen Armut, die vor allen Dingen eine Armut der Bildung und Kultur ist – besonders für grelle Botschaften wie etwa „Geiz ist geil!“ empfänglich ist, was zusätzlich noch durch die sogenannte Trivialkunst verstärkt wird, deren Aufgabe einzig und allein die Dekoration und Möblierung der Verhältnisse zu sein scheint und die überdies mit einem vom Fernsehen in die Welt gesetzten Quotendenken zum Event gerät. Nicht Formen oder Inhalte zählen, sondern einzig und alleine die Anzahl der Teilnehmer, die an dieser Form von Kunst teilhaben. Ein Buch, Bild, Stück, Objekt, Film ist nur dann aus der Masse hervorzuheben, wenn sich die Masse damit beschäftigt. Das ist Erfolg. Der tiefgreifende Prozess der Entkulturisierung der Bevölkerung wird vor allem von den Massenmedien betrieben und manifestiert sich in der geisttötenden Mittelmäßigkeit von Klischees und den importierten amerikanischen Verhaltensmustern, die durch Mode, TV, Musik, Lebensstil zum Ausdruck gebracht wird und zur Verblödung führt.

Diese Kritik der Manipulation und Entfremdung bringt Schütz nicht nur der Kultur gegenüber vor, sondern dem gesamten System Kunst - Bildung - Wissenschaft. Er hält diesem Komplex vor, sich nicht für die eigentlichen Bedürfnisse des Menschen einzusetzen, sondern zu einer Institution der Entfremdung geworden zu sein. Einer Institution, die dem Menschen nicht mehr hilft, seine Situation zu erkennen. Mit der Feststellung, dass in der Unempfänglichkeit des Publikums ein maßgebendes Problem-Element liegt, steht Hari Schütz nicht allein da, diese Auffassung wird von vielen Kulturschaffenden mit politischem Anspruch geteilt.
Der Umstand, dass das staatliche Kulturbudget fast vollständig in die Subventionen elitärer bürgerlicher Kultur fließen, während die kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung großzügig übergangen oder in falschen Bahnen gelenkt werden, kann keinem wachen Intellektuellen verborgen bleiben.

Einen weiteren Ansatzpunkt von Kritik bilden bei Schütz die Art und Weise moderner Kunstproduktion. Die Schlüsselrolle hierbei spielt der Kritiker, dessen Urteile mit sogenannter Objektivität nichts zu tun haben und der letzten Endes nur seine eigenen Interessen oder die seiner Geldgeber im Auge behält und auf dieser Basis den Marktwert des jeweiligen Kunstwerks bestimmt, wobei nicht selten auch eigene Befindlichkeiten des Kritikergemüts für Akzeptanz oder Ablehnung bzw. Ignoranz sorgen. Schütz verwehrt sich mit seinen Arbeiten auch diesmal wieder dagegen, einer schlechten Gesellschaft das marktgerechte formulierte Gewissen zu liefern, er will raus aus dem Kulturghetto, das die Künstler zu progressiven Marktidioten erniedrigt hat. Also plädiert er für Grenzüberschreitungen in der Kunst, um dort, wo es um die wesentlichen Fragen der Gesellschaft geht, unerträglich penetrant zu werden. Er spricht sich für eine noch stärkere, sinnliche und antiintellektuelle Radikalität im Kulturleben aus. Nach seinem Ermessen erhält erst dadurch diese Institution ihren Sinn, ja ihre Existenzberechtigung.

Wie aus dem künstlerischen Selbstverständnis ersichtlich wird, spricht sich Hari Schütz für neue Formen des Erlebens aus. Er plädiert dafür, mit Bildern Prozesse zu inszenieren, welche die Tendenz zur Intellektualisierung unterbinden. Ihm geht es also darum, der Flucht in die geistige Verwahrlosung oder auch in die theoretischen Erkenntnisse schockierende und provozierende Irritationen durch seine von Witz und Verzweiflung gewürzten Darstellungen entgegensetzen. Diese Irritationen erzielt er durch schockierende Störmechanismen, die auf der Darstellungsebene, der Ebene des Kulturcodes und der Rezeptionsebene wirksam werden. Es sind bewusst entwickelte explizite und implizite Schockstrategien. Die expliziten Schockstrategien entfalten ihr Schockpotential auf der Darstellungsebene. Sie beziehen ihre Wirkkraft aus der Drastik ihrer realistischen Konzeption. Charakterisierend für die expliziten Taktiken ist die Priorität der körperlichen Präsenz und Vordergründigkeit. In drastischer Deutlichkeit werden sexuelle oder gewalttätige Vorgänge gezeigt. Die offene Darstellung von Aggressionen, Gewalttätigkeiten, sexuellen und intimen Eindeutigkeiten ist so drastisch wie möglich gestaltet. Dadurch rühren sie an religiösen, moralischen und gesellschaftlich-politischen Tabus, die im konventionellen Kulturbetrieb als Tabus aufrechterhalten werden.

Schütz beschränkt sich jedoch in seiner Eindeutigkeit nicht auf die vergleichsweise harmlose Darstellung von Sexualität und Gewalt. Er steigert diese bis hin zu mutierten menschlichen Verhaltensweisen. Er geht in der Darstellung von Sexualität über die klischierte Vorstellung des Normalen hinaus und zeigt Travestien, die von den Mächtigen zur Ideologisierung eingesetzt werden. Er ersetzt die Gefühlswelten der Romantik oder auch Leidenschaftlichkeit durch Exzess, Perversion und sexuelle Atavismen. Analog dazu verhält es sich in der Darstellung von Gewalt. In den Bildern steigert steigern sich die Gewalttätigkeiten zu sadistischen Foltermethoden, die bei ihm nicht selten in der Darstellung von Konsumverhalten kaschiert werden. Eine erneute Steigerung erhalten sowohl die Darstellung der Sexualität als auch der Gewalt durch den Einbezug von politischen Slogans und Statements sowie manchmal auch authentischen Zitaten aus der Berichterstattung. Solcher Wortdreck und Wortabfall werden bei den Taliban-Tableaus als Reaktion auf die 9/11-WTC-Kampagne zum szenischen Gestaltungsprinzip erhoben. Ebenso stellt der menschliche Körper mit seinen Verfallserscheinungen und körperlichen Funktionen ein Affront und Angriff gegen konventionelle Sehgewohnheiten dar. Das Pendant zu den expliziten Schockstrategien auf der Darstellungsebene bilden die impliziten Schockstrategien. Sie zielen gegen den Absolutheitsanspruch und Illusionismus des konventionellen Abbildens von Wirklichkeiten. Durch die Abweichung von den etablierten Konventionen wirken diese Strategien als Störfaktor in den Seh- und Rezeptionsgewohnheiten. Das Unerwartete als Element des Schockerlebnisses präsentiert sich in der Weigerung, den Erwartungen des Publikums nachzukommen. Damit wird ein Erwartungshorizont evoziert, den Schütz nunmehr seit fast schon 25 Jahren in unterschiedlichsten Stilen seiner Themen gründlich zerstört. Im vorliegenden Zyklus wird die bis ins kleinste Detail gehende Demontage von Publikumsvoyeurismus genüsslich ausgekostet und macht nahezu die gesamte Ästhetik des graphischen Statements aus. Die genannten expliziten wie impliziten Taktiken des Schockierens dienen von ihrer Wirkabsicht her der Irritation des Publikums und sind nur aus der philosophischen Analyse der Verhältnisse zu erfassen. Sie zielen auf konkrete Publikumsreaktion, dabei soll die plötzliche Verstörung durch den Schock – wenn z. B. nackte Frauen auf einer Landkarte von Afghanistan lesbische Rollenspiele zwischen Macht und Ohnmacht treiben – die dargestellten gesellschaftlichen und ideologischen Gegensätze krass und beinahe Comic-artig herausstreichen.

Genau an diesem Punkt der Erkenntnis setzt der Effekt der Schocktaktiken ein. Ihnen liegt eine Wirkung zugrunde, die als soziale Anagnorisis bezeichnet werden kann, das Wiedererkennen der eigenen Lebensumstände. Irritation und Schock sind demzufolge gerade darin begründet, dass die Zuschauer mit den Tabus ihres Alltags konfrontiert werden. Schütz wendet hierbei experimentelle Techniken an, um deren provokatorische Wirkungen mit dem Schock der sozialen Anagnorisis zu verbinden. Ein grundlegendes Wesensmerkmal der intendierten Wirkung ist die Umsetzung ästhetischer Kategorien in die Momente der Neuheit und der Überraschung, des Schocks und der Verfremdung, der Zumutung und der Provokation. Der unerwartete Angriff auf die Emotionalität ist ein altes Konzept. Der Unterschied zu den Schockstrategien des Hari Schütz liegt in dem Anspruch auf Aktualität und der Konzentration auf den gewöhnlichen Schrecken der Alltagsrealität. Ein wesentliches Kriterium der Unterscheidung ist jedoch darin zu sehen, dass der Schock nicht als Durchgangsstufe zur Katharsis verstanden wird, sondern sich als wirkungsästhetisches Endziel darstellt. Der Verzicht auf eine übergeordnete Rezeptionsperspektive gehört zur konsequenten Strategie. Weil der Schock undeterminiert bleibt, wirkt er erneut provokativ.

Die Figuren der Schütz-Bilder wollen sich vom Zivilisationsmüll befreien, von dem sie sich bis zur Unkenntlichkeit behaftet und entstellt fühlen. In dem Maße, in dem sie sich von allen Äußerlichkeiten bis zur vollkommenen Nacktheit befreien, wächst das gegenseitige Vertrauen. Auf dem Höhepunkt ihrer nun möglichen Intimität eskaliert das Geschehen und spiegelt schnell einen unzureichend verschleierten Zivilisationsekel vor den Lebensbedingungen einer global agierenden denaturierten Konsumgesellschaft wider. Die Bilder sind eine ironisch verbrämte Kampfansage gegen die Gesellschaft und deren internalisierte, systemstabilisierende Werte, die an der Entfremdung und Fremdbestimmung der Individuen einen erheblichen Anteil haben. Ausdruck findet dieser Zivilisationsekel in der Verweigerungshaltung der Protagonisten, die durch Nacktheit ihre wahren Gefühle verbergen. Durch ihre Verweigerung entziehen sie sich sowohl der Manipulierbarkeit als auch dem Verhaltensschema der Anpassung. Durch dieses Bewusstsein zum Außenseiter geworden, fallen die Protagonisten letztlich einer Gesellschaft zum Opfer, deren Ziel es ist, individuelle Persönlichkeitsentfaltung zu unterdrücken, um dadurch von den eigentlichen Bedürfnissen abzulenken. Dieses gesellschaftliche Aus-dem-Ruder-Laufen zeigt sich in einer plakativ dargebrachten Sehnsucht nach Freiheit und wird als bizarr hoffnungsloser Wunschtraum entlarvt. Die Freiheitssehnsucht wird sanktioniert und mündet schließlich in den Tod.

Auf der Ebene der Figurenzeichnung schildert Hari Schütz seine Protagonisten zunächst als Opfer. Indem sie sich dessen bewusst werden, bewegen sie sich jedoch nach und nach aus ihrer Opferrolle heraus. Zunächst werden ihre Verhaltens- und Umgangsweisen als Ergebnisse gesellschaftlicher Deformationen gezeigt. Die dargestellten mutierten Beziehungsformen sind als Ergebnis der Entfremdung und Fremdbestimmung zu verstehen. Ersichtlich wird der Mangel an Kommunikation und zwischenmenschlichen Beziehungen insbesondere bei den weiblichen Protagonisten, die glauben, einzig und allein in Verführungsposen von der Welt wahrgenommen zu werden. Ein weiterer Faktor, der zur Entfremdung beiträgt, stellt das Imitationsverhalten dar. Hierbei werden Werbung und Massenmedien herangezogen, die in der zwischenmenschlichen Interaktion als Vergleichsebene dienen und bei Hari Schütz radikal entlarvt werden. Als Imitationsvorlage dienen den weiblichen Protagonistinnen dabei die körperlichen Zurschaustellungen, wie sie in Pornofilmen gezeigt werden. So spielen bei ihnen auch die durch solche Filme vermittelten Imitationsvorlagen eine große Rolle. Ihre primären weiblichen Erotiksignale erweisen sich als pures Makeup. Im akribischen, keine Peinlichkeit auslassenden Prozess der Demontage zeigt sich die Koppelung von politischem Irrsinn und menschlicher Selbstverleugnung. Allerdings stehen die Männer den Frauen in nichts nach, auch sie versuchen, einem idealtypischen männlichen Erscheinungsbild (je nach ideologischer Zugehörigkeit) gerecht zu werden. Die Ursache dafür ist im Anpassungsverhalten und im Konformitätszwang des Einzelnen zu suchen, an die vom Markt vorgeschriebenen Typusmöglichkeiten für zwischenmenschliche Beziehungen. Diese Demaskierung kann den Zuschauer auf der Rezeptionsebene auf die Dauer nicht unberührt lassen. Potenziert durch den trivialrealistischen Stil werden persönliche Beeinflussbarkeit und auch das eigene Konformitätsbestreben unangenehm ins Bewusstsein gerufen. Die Ausstellungssituation – Bilder, die angepasst und konform an einer Galeriewand hängen – fungiert hier als schonungsloser Spiegel der eigenen Wünsche, der Schwächen und Deformationen. Hari Schütz geht es bei dieser, an Peinlichkeit grenzender Entlarvung menschlicher Schwächen jedoch nicht in der Hauptsache darum, seine Protagonisten zu denunzieren. In den derb-drastischen Darstellungen der Protagonisten wird klar, dass er sich und die Gesellschaft als Opfer der Fremdbestimmung sieht; fremdbestimmt von frühester Kindheit an durch Schule und Religion, dann durch die Medien, Arbeitswelt und Werbeindustrie. Aufgrund des Bewusstseins über die eigentlichen Verursacher der Entfremdung emanzipieren sich die Protagonisten nicht, im Verlauf der Wahrnehmung durch den Betrachter zeigt sich das Ausmaß des globalen Elends.

Die Verweigerungshaltung der Protagonisten – sie amüsieren sich lieber, als an der ideologischen Auseinandersetzung bzw. moralisch aufgerüsteten Kriegsführung teilzunehmen – lässt sich auch für die auktoriale Ebene feststellen. Sie richtet sich gleichermaßen gegen das saturierte Bildungsbürgertum als Rezipient wie gegen das konventionelle, moderate Abbilden, das durch seinen Wertetraditionalismus systemstabilisierend wirkt. Schütz setzt lieber gesellschaftlich tabuisierte sexuelle Handlungen und Spielarten in Szene, die durch den typischen, extrem realistischen Stil an Drastik und Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Durch den schonungslos exhibitionistischen Effekt dieser Aktion lässt sich die Weigerung, gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen, durchgängig feststellen. Der Zyklus zeigt das ungeheure Aggressionspotential, das von der Gesellschaft, und hier ganz besonders von der amerikanisch-hierarchisch strukturierten, aufgebracht wird, um jede Abweichung von der Norm zu sanktionieren und letztlich zu unterbinden. Der „Kampf gegen den Terror“ dient als Registered Trademark beim Terrorisieren der Welt. Schonungslos werden die Verhaltensmuster, Werte und Machtmechanismen einer intoleranten Gesellschaft ans Licht gebracht. Ein Wesensmerkmal dieser autoritären Charakterstrukturen ist die Unterordnung gegenüber idealisierten moralischen Autoritäten wie Bildung, Kirche, Heimat und Familie. Von seinem Standpunkt aus schildert der Künstler das repressive Verhalten der internationalen Moralverwalter gegenüber dem Individuum als einen Machtmissbrauch. Ihm dient der modellhafte Charakter einer in jeder Hinsicht aufgegeilten Konsumgesellschaft, um die wechselseitigen Beziehungen von Macht und Unterordnung transparent zu machen. Mit subtilem Vergnügen deckt Hari Schütz sukzessive den verlogenen Wertekanon der westlichen Gesellschaft auf, die sich in ihrer Intoleranz stark macht als Freiheitskämpferverband gegen die Intoleranz islamischer Fundamentalisten. Zwei Seiten einer Medaille: Hinter der Heimatideologie verbirgt sich latenter Faschismus, Religiosität zeigt sich als pure Bigotterie, wertebildende und -vermittelnde Autoritäten wie Kirche, Bildungswesen und Justiz werden als Spielfeld menschenfeindlicher Handlungen gezeigt. Ergänzend lässt sich feststellen, dass die Worte in den Bildern als Mittel benutzt werden, anhand der Schütz die subtilen, über Werte bzw. Normen gerechtfertigten Methoden des Machtmissbrauchs darlegt. Die Sprache dient darüber hinaus als Mittel, um die Fallhöhe zwischen Sprachgewalt und dumpfer Macht darzustellen. Über den krassen Gegensatz zwischen platter Phrase und sadistischer Folter wird große Schockwirkung erreicht: „You are with us or against us!“

In seiner scharfsinnigen und überaus schonungslosen Art und Weise zerstört der Künstler das Bild einer integren Gesellschaft. Unter der vermeintlich gemütlichen Oberfläche verbirgt sich eine reaktionär-autoritäre Charakterstruktur, die auf jede Abweichung von der Norm mit unerbittlicher Schärfe reagiert. Das reicht vom Rassismus bis hin zum Antisemitismus.

Die derzeit wieder einmal geführte Debatte über zunehmende Obszönität und Gewalt stellt eine Tendenz zur psychischen Verrohung und sprachlichen Verwilderung fest. Seinen Niederschlag findet dies in den stilbildenden Massenmedien, wobei sich anmerken lässt, dass die präsentierten Gewalttätigkeiten und Obszönitäten in erster Linie kommerziell motiviert sind, und nicht als wütender Befreiungsschlag gegen die gegebenen Moralvorstellungen zu werten sind. Analog dazu erscheinen Tabuüberschreitungen, angesichts der zumindest vermeintlichen Liberalisierung, eher im Lichte des l'art pour l'art, oder anders ausgedrückt: des Schocks um der Sensation willen.

Gerade deswegen stellt sich die Frage: Welche Mittel, Inhalte und Zeichen kann und muss die (bildende) Kunst heute anwenden, wenn sie auch als kritisches Stimmungsbarometer in Erscheinung treten möchte und moralische Verlogenheit aufzeigen will?

Eines ist jedoch klar: Kunst bildet nicht die Wirklichkeit ab, das ist nicht ihre Aufgabe, Kunst macht die Wirklichkeit sichtbar.

Und das stellt Hari Schütz mit seinen neuen Arbeiten wieder einmal sehr eindrucksvoll und vor allem unverwechselbar unter Beweis.

Georg Biron