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Von Ursula Brochardt

Es war eine richtige Katastrophe. Eine schöne, fette Katastrophe. Es hatte doch so gut für Edie ausgesehen, warum das Leben dann eine so dramatische Wendung nehmen musste, war völlig unverständlich. Noch dazu in einem Jahrhundert, das erst vor kurzem begonnen hatte. Selbstmitleid war immer gut. Gesund, gerecht und sehr unterhaltsam. Ron hatte wieder einmal beschlossen, mit den Drogen aufzuhören, und Edie hatte Liebeskummer. Spätes Nachmittagslicht, das über Wasser flirrte, so wunderschön wie der Schwalbenschwarm, der gerade darüber hinwegflog. Schlecht. Soviel Freiheit, bei so wenig Verantwortung. Ungerecht.  Einen kurzen Moment lang wusste Edie nicht, ob der Entschluss, mit Ron nach Spanien zu fahren, richtig gewesen war, sie wusste eigentlich nie, ob überhaupt etwas richtig daran war, was sie tat, aber wenn sie es dann tat, blieb ihr gar nichts anderes übrig, als überzeugt zu sein, dass es das Richtige gewesen war.
An Rons Jacke fehlten zwei Knöpfe. Seit Tagen wollte Edie einen nach dem anderen annähen, wozu sie sich nicht aufraffen konnte.
„Ich könnte den ganzen Tag auf einer Streckbank liegen.“, stöhnte Ron.
Und ich könnte den ganzen Tag mit dem Mann im Mond, ohne Unterwäsche im Bett liegen, dachte Edie. Obwohl nichts aus heiterem Himmel kam, wie sie in der Zwischenzeit wusste, hatte sie keinen Laszlo mehr.
Man kann eben nichts behalten, dachte sie trotzig.
„Kommst du von ihm?“, hatte Ron sie öfters in den letzten Monaten gefragt. „Ja“, sagte sie und war sich dabei ganz schön bescheuert vorgekommen, mit ihrem aufgeweichten Körper. Damals, als sie glücklich darüber war, mit Ron und ihrem aufgeweichten Körper dazusitzen und nicht woanders zu sein. Wenn sie zuhause mit Ron gesessen ist, war sie immer noch bei Laszlo, war zwei in einem, kommend und gehend. Ein Fiasko, durch dessen Qualm ihr die Sicht auf die Wahrheit verstellt war. Wieso ging das eigentlich nicht: Körperlich befriedigt zu dem Mann aufbrechen, bei dem man sich geistig am wohlsten fühlt? Von der körperlich sich am wohlsten anfühlenden Wirklichkeit in die andere zurück oder zur anderen hin. Hin. Her. Beim Hin und Herlaufen, meinte sie manchmal, ein schwirrendes Flattergeräusch zu vernehmen, das entweder  hinter oder neben ihr her gerattert war oder aus ihr heraus zu rattern schien. Edie war vor Liebe ganz zerrissen gewesen. Oh ja. Ob die beiden Männer überhaupt wissen wollten, wie sehr sie sie liebte, hatte sie sich natürlich nicht überlegt. Wenn Laszlo beispielsweise schlief, wollte sie ihn aufwecken, damit das Wunder weiter andauern sollte, und wenn Ron sein Telefon nicht abgenommen hatte, zitterte sie um seine Liebe. Dass sie es immer noch nicht gründlich satt hatte, weil ihr das Herz dauernd brach, war verblüffend.
Edie starrte auf Rons Jacke. Die fehlenden Knöpfe gaben ihr jetzt eindeutig das Gefühl, auf ihrem Platz in der Welt zu versagen. Ron. Mit einer am Kopf hochgeschobenen Sonnenbrille hielt er das halblange blonde Haar im Zaum. Ihre große Liebe. Rockstar, Maler, Komponist und was nicht noch alles. Sie himmelte ihn an. Meistens jedenfalls. Ihrer Meinung nach, hätte er in allem erfolgreich sein können, wenn er sich endlich in den Griff bekommen hätte.
Jetzt schob er seine Sonnenbrille zurecht, hinter der seine Augen dann nicht mehr zu erkennen waren.
„Hör dir mal das an: Die Girls sind richtig angetan und kriegen nicht genug. Die Boys, die habens gar nicht gern und wittern gleich Betrug...“, rappte Ron und schnippte mit den Fingern.
„Großartig.“
„Schnipp-Schnapp-Schnuppi!“ Er schnippte rasch noch dreimal dicht vor ihren Augen. Ron lachte. Als hörte er einen guten Witz, als wäre das alles nur zum Lachen.
„Ich muss frei sein.“, hatte sie zu Laszlo gesagt. Freisein war das falsche Wort gewesen, sie wollte Ron behalten und auf Laszlo nicht verzichten. Sie pendelte ja schon immer dramatisch zwischen dem Gefühl, eingesperrt zu sein, und dem Versuch auszubrechen. Wahrscheinlich machte sie auch ihre Angst vor Einsamkeit viel abhängiger von der Idee, jemanden lieben zu müssen. Sicherlich verging man sich an der Liebe, wenn man versuchte, zwei Männer mit einer egoistischen Klappe zu schlagen. Natürlich war dieses Durcheinander hässlich, und sie verachtete sich dafür, Durcheinander erschaffen zu haben. Edie schloss die Augen. Missbrauch. Was wurde denn nicht alles missbraucht?
Herrgott noch mal, wirkt dieses Zeug nicht oder brauche ich noch einen Drink, dachte Ron. Klar wollte er es Edie sagen, ihr etwas Schönes sagen, verschob es aber auf später, wenn er sich besser fühlen würde. Spät war immer noch früh genug.
Ein Kellner kam mit einer Serviette, nahm die Gläser weg und wischte den Tisch ab. Ron bedeutete ihm mit einer Geste, noch einen Gin Tonic zu bringen.
Frauen, die imstande waren, einfach davonzulaufen, wenn das Beziehungsgeknister sie zu langweilen begann... Ron fand, es tat Edie manchmal ganz gut, nicht immer nur mit ihm zusammen zu sein, umgekehrt auch. Sie oder er, sie hatten nichts dagegen, und falls doch– egal. Einen kleinen Unterschied gab es allerdings: Diesmal hatte sie zuviel Zeit mit diesem Typen verbracht, genau genommen den ganzen Sommer, und Ron kannte den anderen nicht. Zweimal waren sie einander begegnet und beide Male war es ihm vorgekommen, als würde der andere seine Rolle als Mann von Welt altmodisch ernstnehmen. Wahrscheinlich musste man Laszlo zugute halten, dass er es offenbar schaffte, wenigstens etwas ernstzunehmen. Ron hatte keine direkte Bedrohung in ihm gesehen, ein dünnes, schweigsames Individuum, bei dem es bei der raschen Assoziation ‚Unglücksrabe’ geblieben war. Auch vor ein paar Tagen, als sie sich kurz nach Mitternacht auf der Strasse gegenübergestanden waren, hatte er nichts als Unbehagen gegen den Polizei-Argwohn empfunden, den der Mann gegen ihn auszustrahlen schien. Als Laszlo dann über die Straße lief, war er Ron vorgekommen wie eine Viper, die in ihren Bau flitzte. Vielleicht hatte er den Typ auch falsch eingeschätzt. Edie die ganze Zeit am Hals zu haben, undenkbar! Sie konnte entsetzlich anstrengend sein. Aber Laszlo? Der wollte vielleicht nicht teilen. Der wollte sie und sein Unglücksrabenglück ganz. Ganz für sich alleine. Damit hatte Edie ganz sicher auch nicht gerechnet. Na, wer weiß. Ihre Verhältnisse begann sie meist mit den besten Absichten. Zumindest mit der Absicht, ihn endlich verlassen zu können, eine Absicht, die ihrer Mutter sicher gefallen würde. Schneller als Edie lieb war, verflüchtigte sich das Interesse oder ihr Mitleid für den jeweiligen Typen. Warum sich ihr Interesse für Laszlo länger gehalten hat als gewöhnlich, den Trick hatte Ron bis heute nicht kapiert. Eigentlich wollte sie Menschen aus ihrem Unglück heraushelfen, das hieß, sie suchte nach Männern, die unglücklich waren. Das Elend der anderen gab ihrem Leben anscheinend ein Ziel. Auf diese Weise machte sie jemanden glücklich und war ihr Mitleid los. Dafür erwartete sie dann, dass derjenige, der jetzt für immer glücklich gemacht wurde, sie von sich selber erlösen würde. Mit einem Wort: Edie hatte im Endeffekt keine Ahnung, was sie von den Männern wirklich wollte, außer: Nie mehr allein sein. Während sie damit bei ihm eindeutig auf dem falschen Dampfer saß, war jemand wie Laszlo wahrscheinlich der absolute Traummann.
Eine gut erhaltene Blondine in Spanien zu sein, war ein großes Risiko, das leuchtete Ron jetzt ein, als er Edie beobachtete, die sich geschickt durch die Männerreihen drängelte, die an der Bar standen. Man brauchte wahrscheinlich ein bisschen Grips, um zu wissen, wie man schön aussieht und zu wissen, wie man den Druck aushält. Ron versuchte in eine andere Richtung zu schauen, dabei kreuzte er den Blick eines untätigen Kellners, der ihr Mut zu diesem Unternehmen einzuflirten schien. Eine plötzliche Panik vor dem Alleinsein ergriff ihn, es war nur ein kurzer Moment, während Edie, als sie jetzt wieder vor ihm stand, unabhängiger wirkte.
Ron sah auf die Uhr über der Bar. Schon viel zu spät.
„Glaubst du, ich liebe dich, nur aus dem Grund, dass ich es irgendwie wieder zurückbekomme?“
Edie schob sich eine Olive in den Mund, die stark nach Autoabgasen schmeckte, und betrachtete die zu Halsketten verschlungenen saftig-roten Chillischoten über der Bar, die aussahen, wie fette, kranke Herzen. Wenn ihr Leben noch irgendwann einmal so werden sollte, wie es sich für ein Leben gehörte, dann hatte sie das auch nicht mehr ausschließlich Ron zu verdanken. Ron war der Typ Mann, der sich seiner selbst nicht sicher war, und daraus ergab sich eine unangenehme Konsequenz: man war sich seiner auch nie sicher. Seine Gefühle konnte er amüsant äußern, verlässlich waren sie nicht. Dass sie ihm trotzdem mehr als allen anderen vertraute, obwohl Vertrauen bei ihr im Allgemeinen schwierig bis gar nicht vorkam, war zum Verrücktwerden. Vielleicht, weil er der einzige war, den es nicht interessierte, was sie dachte, dem es total egal war, welche Form es annahm, der einen in Ruhe alles ausspinnen ließ und nicht bestimmte, was und wie man, seiner Meinung nach, hätte denken müssen. Mit einem Wort: Er plante nichts gegen sie. Manchmal hatte sie auch deswegen das Gefühl, Ron ständig zu verraten, dafür schämte sie sich dann. Wie wenn sie einen vertrauensvollen, liebevollen Partner betrügen würde, der oft verreist war. Fast, als würde er insgeheim ahnen, was für Spielchen ihr schlechter Charakter mit ihm trieb, konnte er sich völlig desinteressiert von ihr abwenden, sich verändern, als hätte er auf sie vergessen. Er beherrschte das Kunststück, sich spontan lösen zu können. Das Schlimmste dabei war, Edie wusste, dass Ron auch ohne sie auskommen konnte, ohne zu leiden. Fazit? Ron war der Mann, nach dem sie sich gesehnt hatte und den sie nie so bekommen hat, wie sie ihn gerne gehabt hätte. Laszlo hingegen hatte ihr seine gesamte Aufmerksamkeit geschenkt, alles, was sie tat oder dachte, hatte ihn interessiert, umgekehrt hätte das natürlich auch so sein sollen. Fast als würde er ständig gesagt haben, „Wie ist es, willst du versuchen, mich glücklich zu machen? Dann mach’ schnell, ich habe nämlich keine Zeit zu verlieren.“ Und in der Eile passierten eben Fehler. Außerdem war Laszlo glücklich zu machen, kein einfaches Projekt gewesen.
„He, du, Edie, du. Bist du traurig? Alles wird gut. Was sonst?“ Ron legte seine geöffnete Hand auf den Tisch, so dass sie ihre hineinlegen konnte.
Der Alles-wird-gut-Quatsch machte ihr Freude, er wusste das.
Während Ron sie jetzt ansah, dachte er, dass es manchmal besser wäre, wenn einer von ihnen sterben würde, statt zu akzeptieren, dass man voneinander genug hatte. Aber keiner von ihnen starb und keiner haute für immer ab, also mussten sie da durch, durch die Phase, in der sie sich vormachten, als würde es irgendwann wieder gut werden. Ein großer Hunger nach Vergessen und Betäuben überfiel ihn schlagartig.
„Nein, ich bin nicht traurig.“ Edie lächelt auf ihn herab, so als wüsste sie, was er eigentlich habe sagen wollen. Es hatte also geklappt. Woher wissen Frauen, was Männer sagen wollten, wenn sie es doch selber nicht wussten? Dankbarkeit war kein Wort, das er mochte, aber in diesem Moment war Ron ihr dankbar, dass es nicht darauf ankam, was er sagte, deswegen starrte er, während Edie seine Hand fest drückte, auf eine Kirche gegenüber, an deren kalkweißer Mauer gerade zwei Polizisten der Guardia Civil lehnten. Ron betrachtete die Asche seiner Zigarette einen Augenblick lang. Die Kirche hatte standgehalten, weiß, unbeschadet.
Ron schwieg und sein Schweigen war Edies Chance. Der Augenblick war da gewesen, und dann verpasste sie ihn.
„Jetzt verstehe ich. Du nimmst mit mir in der Zwischenzeit vorlieb, bis du den Mann getroffen hast, mit dem das Nahsein dann klappt. Was, wenn ich...“
Das war Edies letzte Chance.
„Was hast du gesagt?“
„Du kannst bloß nicht verzichten, das ist alles.“
„Vielleicht kann ich’s im nächsten Leben.“
In diesem Leben umarmte Ron sie draußen auf der Straße überraschend, während sie, wie ihr vorkam, ein wenig steif dastand, in den vier Sekunden, in denen er sie umschlungen hielt.
„Du und ich.“ Murmelte sie.
„Mach mal halblang.“
Edie löste sich aus der Umarmung. Du und ich, das war anscheinend keine Sprache mehr, die er verstanden und aus ihrem Mund am liebsten gehört hätte. Du und ich, hätte sie gerne noch einmal gesagt und ihre Arme weiter um seinen Hals geschlungen.
Gemeinsam schlenderten sie die betonierte Uferstrasse entlang. Höhere Wachsamkeit war im Laufe des Abends um eine Ecke gebogen und ließ sich nicht mehr blicken. Gut so, dachte Ron. Die Menschen sollten einander trösten und alles andere würde sich schon von allein ergeben. Das wonnevolle Scheißdrauf sollte einem bis in die Haarwurzeln kriechen, um sein kleines Leben zu genießen!
Hand in Hand gingen sie durch stille Straßen. Der Regen hatte nachgelassen, der Wind war abgeflaut. Ron fühlte die Nacht fast körperlich, kühl wie fließendes Wasser. Sie liefen eine Weile wortlos dahin. Er war betrunken genug, um zu glauben, er wäre ganz und gar glücklich. Was Glück wohl bedeutete?